Herbstumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK): Krise trotz Optimismus noch nicht ganz überwunden

(pm/ea) – Eine gute oder befriedigende Geschäftslage in fast allen Branchen kennzeichnet die Konjunktur im Main-Kinzig-Kreis. Auch mit Blick auf die kommenden Monate läuft vieles überraschend gut – trotz Lieferengpässen, Fachkräftemangel und steigenden Preisen an vielen Fronten.

Die Herbstumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern belegt, dass sich die Wirtschaft in den vergangenen Wochen und Monaten aus dem Corona-Tal befreit hat. Ein zweiter Blick auf das Zahlenwerk offenbart allerdings Stolpersteine und Fallen. Noch hat sich die aufstrebende Konjunktur nicht verstetigt.

„Wenn 43,7 Prozent der Unternehmen ihre derzeitige Geschäftslage als ‚gut‘ bezeichnen und weitere 46,1 Prozent als ‚befriedigend‘, dann ist die Krise Geschichte“, bemerkt IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Gunther Quidde zu den aktuellen Ergebnissen der IHK-Konjunkturumfrage. Ihn bestärkt auch, dass 24 Prozent der Betriebe eine „eher günstigere“ Situation erwarten und 60,7 Prozent eine etwa gleiche Lage in den kommenden Monaten. Verglichen mit voran gegangenen Umfragen seit Frühjahr 2020 hat sich das Stimmungsbild damit auf den ersten Blick normalisiert. Ein positiver Lagesaldo – also die Differenz zwischen den optimistischen und den pessimistischen Einschätzungen der aktuellen Lage- von 33,5 Prozentpunkten gegenüber 12,7 zum Frühsommer und -9,5 vor einem Jahr verdeutlichen, wie stark die Erholung ist. Beim Erwartungssaldo ist die richtige Richtung leider nicht ganz so deutlich erkennbar: Mit 8,7 Prozentpunkten liegt auch dieser Wert im Plus, aber der Zuwachs bleibt eher verhalten. Im Mai lag dieser Wert bei 4,9 Punkten und vor einem Jahr bei -7,1.

Werden die Werte gewichtet, ergibt sich der IHK-Konjunkturklima-Indikator, der dieses Mal vor allem dank der guten Lagebewertungen bei recht hohen 120,4 Punkte landet. Diese Kennzahl kann theoretisch zwischen 0 und 200 Punkten schwanken – je nachdem, ob die Konjunktur schlecht oder gut läuft. Im Main-Kinzig-Kreis bewegte sich der Indikator in den vergangenen 15 Jahren zwischen 66 und 133 Punkten – die aktuellen 120,4 Punkte sind „also ziemlich gut“, so Quidde. „Das deutet einen beginnenden Aufschwung hin, aber noch sind die Erwartungen mit hohen Unsicherheiten behaftet“, zeigt sich Quidde vorsichtig-optimistisch und ergänzt: „Die Unternehmen freuen sich über die großen Verbesserungen in den vergangenen Monaten – fast jede Branche schätzt ihre Lage besser ein als im Mai – sie sind sich aber unsicher über die Zukunft. In der Industrie und bei vielen Dienstleistern sind die Zukunftserwartungen sogar etwas schwächer als im Frühjahr.“

Beim Blick in die einzelnen Sparten fällt auf, wie außerordentlich positiv manche Industriebetriebe ihre Situation bewerten. „Das gilt vor allem für die Hersteller von Investitions- und Vorleistungsgütern. Nahezu zwei Drittel dieser Betriebe bezeichnet die Lage als ‚gut‘. Das ist ein Spitzenwert“, berichtet Quidde. Werden allerdings die wirtschaftlichen Aussichten mit betrachtet, zeigt sich, dass auch diese Unternehmen noch immer sehr kaufmännisch-vorsichtig sind und zurückhaltend in die Zukunft schauen. Die teils massiven Beschaffungsprobleme würgen den jungen Aufschwung teilweise regelrecht ab. Das gilt nicht zuletzt auch für den Bau, auf dem es dennoch derzeit gut läuft. Eine Schwächung der starken Konjunktur ist in dieser Branche nicht erkennbar, sondern eher ein Strecken der Aufträge über einen längeren Zeitraum. Lediglich die Kfz-Zulieferer und andere Erzeuger vor Ge- und Verbrauchsgütern stecken noch immer in der Krise fest – aber das liegt weniger an der Konjunktur als an der weiter bestehenden Unsicherheit über die Antriebssysteme der Zukunft.

Der Einzelhandel, der aktuell recht rund läuft, blickt dennoch mit Skepsis auf das bevorstehende Weihnachtsgeschäft. Zwar haben die Verbraucher in den vergangenen Monaten im Lockdown viel Geld gespart, aber die Unsicherheit darüber, wie es mit der Pandemie weitergeht, will nicht weichen. Der Wettbewerb durch die Internethändler hinterlässt tiefe Löcher in den Kassenbüchern. Deutlich optimistischer bewerten allerdings die Großhändler, die ihrerseits auch vom Internetshoppen eher profitieren.

Auch das Transportgewerbe wird vom langsam startenden Aufschwung zunehmend erfasst. Dort könnte es noch viel besser laufen, würde es mehr Fahrer geben. „Das ist einer der maßgeblichen Begrenzungsfaktoren des beginnenden Aufschwungs“, kommentiert Quidde.

Demgegenüber blickt das Kreditgewerbe deutlich pessimistischer in die Zukunft – das Onlinebanking und die niedrigen Zinsen erschweren das Geschäft. Bei den anderen Dienstleistern fällt auf, dass diejenigen, die anderen Betrieben zuarbeiten, wieder recht gut dastehen. Noch besser läuft es weiterhin bei den personenbezogenen Dienstleistungen – aber die kaufmännische Skepsis findet sich aber auch hier.

„Vielen geht es gut, und die Mutigen schauen optimistisch nach vorne. Doch noch ist die Krise nicht völlig überwunden“, bewertet der der IHK-Hauptgeschäftsführer die Lage. Die IHK-Umfrage deutet zwar an, dass in naher Zukunft verstärkt investiert werden soll, vor allem von der Industrie und dem Großhandel. Auch das Exortvolumen der Industrie steht vor einem kräftigen Aufschwung und in fast allen Branchen werden wieder neue Mitarbeiter gesucht. Lediglich im Gastgewerbe und bei den Banken und Sparkassen herrscht diesbezüglich Flaute.

Unklar ist, woher die gesuchten Mitarbeiter für die Bearbeitung der Aufträge im Aufschwung kommen sollen. 62,2 Prozent der Unternehmen erkennen im Fachkräftemangel ihr größtes Risiko. Weil diese Einschätzung absehbar war, hat die IHK sicherheitshalber im Detail nachgefragt: „Wenn 54,4 Prozent der Unternehmen angeben, dass sie derzeit offene Stellen nicht besetzen können, im Baugewerbe sind es sogar 80 Prozent und selbst im Gastgewerbe sind qualifizierte Stellen frei, dann stößt der beginnende Aufschwung schnell an seine Grenzen“, meint Hauptgeschäftsführer Quidde. Gesucht werden laut IHK-Umfrage vor allem Fachkräfte mit dualer Ausbildung, aber auch Fachwirte und Meister sowie – mit Einschränkungen – Hochschulabsolventen, während es Menschen ohne Berufsausbildung auch künftig auf dem Arbeitsmarkt schwer haben werden.

Wie sehr die Corona-Krise überwunden ist, zeigt sich nicht zuletzt bei der Arbeitslosenquote, die sich wieder bei soliden 4,5 Prozent, absolut 10.544 Menschen, eingependelt hat.

Die IHK fragte auch nach, wie die Unternehmen die Schwierigkeiten bei den Stellenbesetzungen angehen wollen. Neben Investitionen in mehr Aus- und Weiterbildung sollen die Mitarbeiterkompetenzen an den Arbeitsplätzen ausgeweitet werden. Außerdem denkt fast die Hälfte der Arbeitgeber über bewusste Maßnahmen zur Stärkung der Arbeitgeberattraktivität nach. Vor allem im starken Großhandel und in den boomenden Industriebetrieben dürfte dieser Weg beschritten werden – das ist eine gute Nachricht für alle Menschen, die einen neuen Arbeitsplatz suchen.

Neben der massiven Knappheit an Fach- und Führungskräften behindern auch die stark gestiegenen Kosten für Energie und Rohstoffe den weiteren Aufschwungspfad. Fast zwei Drittel der Unternehmen bewerten diese Risiken als besonders hoch. In der Industrie sind es sogar 83,1 Prozent.

„Wenn das Wörtchen ‚wenn‘ nicht wäre, dann wäre dieser Aufschwung längst stabil und sicher. Er würde sich selbst verstärken, die Steuereinnahmequellen sprudeln lassen und alle klimapolitischen Vorgaben als leicht erfüllbar erscheinen lassen. Aber so bleiben – trotz optimistischer Signale, noch erhebliche Fragezeichen“, fasst Quidde zusammen.

Grafik: IHK

 

 

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