„100 Tage im Amt“: Bruchköbels neue Bürgermeisterin Sylvia Braun im Erlensee Aktuell-Interview

(ms/ea) – Seit 1. April ist Sylvia Braun Bürgermeisterin der Stadt Bruchköbel. Die ehemalige Kriminalhauptkommissarin übernahm das Amt in Zeiten des „Corona-Lockdowns“ und damit in einer Situation, wie sie keiner ihrer Vorgänger erlebt hat. Im Erlensee Aktuell-Interview berichtet sie über ihre ersten 100 Tage im Amt.

Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie nach dem Highlight der ersten 100 Tage gefragt werden?

Es gab viele große Highlights. Das Beste war sicher für mich, dass ich so positiv in Verwaltung, Politik und Bürgerschaft aufgenommen wurde und sich mein Gefühl bewahrheitet hat, dass man gemeinsam viel erreichen kann. Aber eine Begebenheit, die mir gerade einfällt, kann man bestimmt auch als Highlight einordnen: Ich bekam frühmorgens gegen 6 Uhr von einem Bürger über Facebook ein Foto geschickt, auf dem zu sehen war, wie durch eine Spundwand auf der Stadthausbaustelle Wasser eindrang. So etwas kann natürlich ein Supergau werden. Sofort habe ich die Info weiter an meine Bauabteilung geschickt, die sich unverzüglich darum gekümmert hat und den Schaden beheben ließ. Und bereits eine Stunde später habe ich „Entwarnung“ geben und damit eine Verunsicherung der Bürger gleich im Keim ersticken können. Dazu gab es viel positives Feedback, was mir gezeigt hat, wie wichtig gute Kommunikation zwischen Bürgern und Verwaltung ist.

Gab es auch ein besonders negatives Erlebnis?

Wir mussten leider aufgrund fehlender Kapazitäten direkt im April viele Absagen im Bereich der Hortplätze erteilen. Da ich als damals Betroffene ja gerade über diese Thematik vor über 10 Jahren überhaupt in die Kommunalpolitik eingestiegen bin, ist mir das sehr schwergefallen. Allerdings haben wir es gemeinsam mit dem Fachbereich Soziales dann aber in den letzten Wochen doch geschafft, auch mit der Unterstützung der Betreuungsvereine und dem Schulamt des Main-Kinzig-Kreises, fast allen Eltern für das neue Schuljahr einen Betreuungsplatz anbieten oder vermitteln zu können. Und auch für die nächsten Jahre bleibe ich am Ball, eine verlässliche Lösung für die Schulkinderbetreuung zu finden.

Welche Aufgaben fordern Sie derzeit am meisten?

Neben den gesamten Anforderungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie ist dies der Innenstadtumbau, immerhin verbauen wir hier 42 Millionen Euro. Ich habe dem gesamten Projekt eine neue Struktur und Führung gegeben, nicht zuletzt durch einen mir direkt berichtenden und fachlich versierten Projektleiter, und sehe uns damit jetzt gut aufgestellt. Zudem bin ich auch regelmäßig selbst vor Ort auf der Baustelle, um mich aus erster Hand zu informieren. Als Bauherr muss die Stadt präsent sein. Schauen, dass so gebaut wird, wie es geplant wurde, die Einschränkungen durch die Baustelle im Stadtkern so gering wie möglich zu halten und natürlich die Kosten im Blick zu behalten. Aber es gibt noch viele weitere Themen rund um das neue Stadthaus, die Aufmerksamkeit brauchen. Das Parkraumkonzept ist hier der nächste wichtige Punkt, ebenso wie das Fördermittelmanagement. Mit dem Beschluss für Los 3 ist nun auch der Verkauf des Bürgerhausareals auf einem guten Weg, hier wird ein Wohn- und Geschäftshauskomplex entstehen. Die Gestaltung des diesbezüglichen Vertrages mit dem Investor ist aktuell noch in der Vorbereitung und erfordert ebenfalls die volle Aufmerksamkeit.

Dann natürlich das alte Historische Rathaus im Stadtkern, welches ich sehr gerne wiederbeleben und den jahrelang andauernden Stillstand beenden möchte. Wir haben hier mehrere umfangreiche Besichtigungen durchgeführt und planen nun entweder die Vergabe an einen Pächter oder – falls sich keiner findet – die Nutzung in Eigenregie durch die Stadt.

Für den Neubau des Feuerwehrgerätehauses in Butterstadt haben wir ebenfalls eine positive Entscheidung seitens der Stadtverordnetenversammlung erhalten, was aufgrund der erheblichen Mehrkosten gegenüber der ursprünglichen Planung nicht einfach war. Hier ist im Vorfeld leider nicht alles optimal gelaufen, aber jetzt sind wir auch hier auf einem guten Weg.

Darüber hinaus ist natürlich auch die Modernisierung unserer Verwaltung eine große Herausforderung. Technisch sind wir zwar mittlerweile gut aufgestellt, hatten aber zu Beginn der Corona-Pandemie keine regulären Möglichkeiten für Home-Office. Es wurde zwar noch rechtzeitig durch unseren IT-Fachmann eine Behelfslösung aus dem Boden gestampft, aber das ganze Thema muss jetzt angegangen werden. Dazu gilt es auch, innerhalb der Verwaltungsstrukturen eine Akzeptanz für dieses wichtige Thema zu entwickeln. In diesem Zusammenhang bedürfen unsere fast 30 Jahre alten Dienstvereinbarungen und Regelungen in der Verwaltung dringend der Überarbeitung. Und auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf liegt mir sehr am Herzen, mit Homeoffice und flexibleren Arbeitszeiten ist hier viel mehr möglich.

Wie sieht die politische Unterstützung für Ihre Projekte und Ideen in Magistrat und Parlament aus?

Im Magistrat haben wir eine sehr positive Diskussionskultur und bereits gute Entscheidungen gemeinsam treffen können. Zu bestimmten Themen werden auch Fachleute zu den Sitzungen eingeladen, um die jeweilige Sachlage ausführlich zu beraten. Insgesamt stelle ich bisher eine gute Zusammenarbeit in diesem Kollegialorgan fest. Dazu binde ich auch meine Stellvertreterin, die ehrenamtliche Stadträtin Ingrid Cammerzell, mehr in die Verwaltungsvorgänge ein und bin dankbar für diese vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Das gleiche gilt auch für das Stadtparlament. Ich versuche, möglichst umfassend zu informieren, um wirklich alle Hintergründe und Zusammenhänge darzustellen, über die dann beschlossen werden muss. Für gute Vorschläge wird es auch immer Mehrheiten geben. Dazu gibt es auch immer wieder Angebote für Informationsrunden mit den Fraktionen, was mir ebenfalls sehr wichtig ist. Für den Innenstadtumbau insgesamt werde ich weiterhin die städtische Politik mit Informationen versorgen, denn auch hier gibt es noch einiges an begleitenden Entscheidungen zu treffen, dies will gut vorbereitet sein.

Ihre offene und transparente Kommunikation wird bei den Bürgerinnen und Bürgern sehr gelobt, wie oft zu vernehmen ist. Wie sehen hier Ihre weiteren Planungen aus, wenn die Corona-Verordnungen mit Versammlungsbeschränkungen und Abstandsregeln einmal der Vergangenheit angehören?

Eigentlich wollte ich ja regelmäßig Dialogveranstaltungen durchführen, die es jetzt aufgrund der Corona-Situation erst einmal alternativ in Form von telefonischen Bürgersprechstunden gibt. Da diese so gut angenommen wurden, werde ich sie möglichst auch in dieser Form beibehalten. Und vielleicht können wir im Herbst mit den Dialogveranstaltungen in den Ortsteilen beginnen. Die „Rathaus-WG“ einiger Bürgermeister aus dem Kreisgebiet auf Facebook war übrigens ebenfalls ein tolles Format zum Austausch mit und zur Information der Bürger, was für mich als Neueinsteiger auch wirklich hilfreich ist. Unabhängig davon kommuniziere ich allgemein viel über Facebook und versuche so, meine Arbeit und Entscheidungen sowie die Themen transparent darzustellen und nehme darüber auch Anregungen auf. Für mich ist es dabei wichtig, authentisch zu sein, deswegen ist hier manchmal weniger auch mehr.

Wie schwer hat Bruchköbel an den Folgen von Corona zu knabbern?

Gegenwärtig prognostizieren wir ein finanzielles Defizit von 3,5 Mio Euro aufgrund der Steuerausfälle. Durch eine verhängte Haushaltssperre versuchen wir, die Ausgaben im Rahmen zu halten Bei den Investitionen dürfen wir aber nicht sparen, das wäre für mich insgesamt das falsche Signal. Und natürlich hoffe ich, dass das Land Hessen bei den Finanzen noch auf die Kommunen zugehen wird. Angekündigt wurde es ja bereits, nur die konkreten Details fehlen uns weiterhin.

Wie sehen Ihre nächsten Projekte aus?

Ich möchte, dass Bruchköbel eine KOMPASS-Kommune (KOMPASS steht für das KOMmunalProgrAmm SicherheitsSiegel des Landes Hessen) und dadurch noch sicherer wird. Ich habe mich in diesem Zusammenhang auch sehr gefreut, dass die Polizei mit ihrem Informationsmobil Anfang Juli bei uns in der Stadt war. Im Rahmen von KOMPASS ist mir wichtig, dass eine deutlich verstärkte Zusammenarbeit zwischen städtischer Ordnungs – und Landespolizei stattfindet. Als Ansprechpartner für die Bürger sollten deshalb auch beide Polizeien mit einer Wache im neuen Stadthaus präsent sein, auch daran arbeite ich derzeit mit besonderem Nachdruck.

Die nächste Herzensangelegenheit ist das bereits angesprochene alte Historische Rathaus. Dieses Kleinod mitten im Stadtzentrum liegt schon viel zu lang im Dornröschenschlaf und schreit geradezu nach einer Wiederbelebung. Hier muss unbedingt in den nächsten Wochen etwas passieren.

Auch die weitere Entwicklung von Neubaugebieten dürfen wir nicht vergessen, denn die Nachfrage nach Grundstücken ist ungebrochen. Wir haben noch einiges an Möglichkeiten für die diesbezügliche Entwicklung und auch sogar noch innerstädtische Flächen, die sich besser für neue Wohnbebauung als für die aktuelle Nutzung eigenen würden. Hier ist viel Potential vorhanden.

Bei den Kitas möchte ich, dass wir die Erfahrungen aus der Coronazeit evaluieren. Ich will die Strukturen insgesamt näher beleuchten, um auch Ursachen zu erkennen, warum wir hier eine teilweise hohe Fluktuation beim Personal haben. Die Kindertagespflege möchte ich weiter ausbauen und den Eltern hier mehr Wahlmöglichkeiten eröffnen.

Die Jugendarbeit befindet sich endlich wieder im Aufbau. Gemeinsam mit der evangelischen Kirche haben wir einen sogenannten Jugendkeller als Veranstaltungsraum für Jugendliche einrichten können und einen zusätzlichen Mitarbeiter für die Jugendarbeit eingestellt. Nunmehr ist es die Aufgabe, weitere neue Räumlichkeiten zu finden, in denen die Jugendarbeit als solche zukünftig stattfinden kann, denn die derzeitige Raumlösung am Bürgerhaus ist mit der Weiterentwicklung beim Innenstadtumbau nur noch auf Zeit möglich. Insgesamt müssen wir die Belange unserer Jugend wieder viel mehr ins Auge fassen und berücksichtigen.

Also: es gibt viel zu tun, ich freue mich darauf!

Vielen Dank für das Gespräch

(Die Fragen stellte Markus Sommerfeld)

Auf dem Foto: Bürgermeisterin Sylvia Braun

Foto: Markus Sommerfeld

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