„Wohin führt die Orgelreise 2 ?“ – Interview mit Prof. Dr. Günther Wess

(ms/ea) – Am Sonntag, 16. Juni, 17 Uhr, wird in der Christkönigskirche Prof. Dr. Günther Wess erneut auf eine Reise durch verschiedene musikalische Epochen und Stimmungen gehen; im Konzert „OrgelReise 2 – Von der Romantik zu Blues und Jazz“ will er „Grenzüberschreitungen und Gemeinsames entdecken“. Vorabinformationen und Hintergründe im nachfolgenden Interview.

Bei Ihrer ersten „Orgelreise“ vor zwei Jahren begeisterten Sie rund 200 Teilnehmer mit einem fulminanten Konzert, das weit über Erlensee hinaus Maßstäbe setzte. Wohin führt jetzt die „Orgelreise 2“?

Die Konzertbesucher erwartet ein abwechslungsreiches Programm mit romantischen Stücken aus verschiedenen Musikrichtungen. Unter anderem sind Kompositionen der französischen Romantik dabei aber auch Stücke aus Blues und Jazz mit Improvisationspassagen.

Warum das Motto „Grenzüberschreitung“ ?

Das Programm beinhaltet sehr unterschiedliche Musikrichtungen, die normalerweise nicht zusammen in einem Konzert gespielt werden. Ich möchte Gemeinsames dieser Richtungen herausstellen und nicht Abgrenzung betreiben. Mich stören persönlich die akademischen Kategorien, die alles sofort einordnen, bestimmten Schulen zuordnen und in Schubladen stecken.

Weiterhin halte ich die neuen personalisierten Angebote von Streaming Diensten für keine gute Entwicklung, weil sie dem Kunden durch ein Überangebot ein und derselben Stilrichtung kaum mehre Raum geben, eigene Entscheidungen zu treffen und Neues zu entdecken.

Welche Kriterien waren für Sie bei der Auswahl Ihrer Stücke maßgeblich?

Das war ein sehr langwieriger Prozess aber hochinteressant. Ich wollte eine große internationale Bandbreite, Neues, viel Abwechslung und vor allem schöne Stücke von hoher Qualität. So bin ich bei der Suche u. a. auf Margaretha Christina de Jong und Rosalie Bonighton gestoßen, die ich bisher nicht kannte. Die Jazzorganistin Barbara Dennerlein, hat auch Stücke für Pfeifenorgel geschrieben. Einen Blues von ihr habe ich für das Programm ausgewählt. Und schließlich wollte ich etwas von Herbie Hancock dabei haben, einem der bekanntesten Jazzmusiker unserer Zeit. So blieb mir nichts anderes übrig, als eine seiner Kompositionen und Improvisationen auf die Orgel zu übertragen, was quasi eine Uraufführung auf der Orgel sein wird. Abgerundet wird das Programm durch ein Werk von Najim Hakim, der immer wieder spektakuläre Stücke herausbringt. Und so hat jedes Stück des Konzertes seine eigene Geschichte.

Was fasziniert Sie an der Orgel?

Es ist die Vielzahl der klanglichen Möglichkeiten. Man hat mehrere Tastaturen zur Verfügung und kann auch mit den Füßen im Pedal spielen. Selbst bei kleinen Orgeln gibt es viele Klangfarben zu entdecken.

Welches Instrument ist eigentlich schwieriger zu spielen: Orgel oder Klavier?

Die Frage kann ich nicht beantworten, weil es sich um völlig unterschiedliche Instrumente handelt.

Beim Klavier werden vereinfacht gesprochen 3 Metallsaiten angeschlagen, wenn man eine Taste drückt. Dies kann man sehr dynamisch gestalten und dadurch unterschiedlichste Klangfarben erzeugen.

Bei einer Orgel bringt man mit einem Tastendruck je nach Registrierung eine bis eine große Zahl von Pfeifen zum klingen. Der Anschlag ist nur an oder aus, nicht dynamisch. Aber man kann vieles mischen durch die Art der Pfeifen, die zusammen klingen.

Das Klavier ist weltweit sehr standardisiert. Aber jede Orgel ist ein Unikat und hat unterschiedliche Pfeifen. In Verbindung mit digitalen Technologien sehe ich bei Orgeln noch sehr großes Entwicklungspotenzial.

Was uns zu der Frage führt: Hat die Orgel eine Zukunft?

Es gibt einige durch das Engagement von einzelnen Personen angestoßene sehr positive Entwicklungen zu verzeichnen. Immer mehr junge Leute interessieren sich für die Orgel, weil neue klangliche Möglichkeiten entdeckt werden können. Und es scheint so, als ob das Interesse an dem Instrument Orgel wieder zunimmt. Das ist insbesondere in Asien der Fall. Neue technische Möglichkeiten können zusätzlichen Schwung geben.

Bei uns im Lande bin ich eher skeptisch. Die Begrenzung auf den kirchlichen Raum, viele schlechte und vergammelte Instrumente und die Reduktion der Orgel auf die Begleitung des Gemeindegesanges, oder maximal als Pausenfüller, sind Zeichen von geringer Wertschätzung. Man gibt das Geld lieber für etwas anderes aus, als in Orgeln zu investieren. Ich wurde sogar schon mit Ablehnung des Instrumentes konfrontiert, weil man es mit der Kirche assoziiert hat.

Diese Situation ist natürlich auch für Sponsoren und Stifter wenig attraktiv, um Projekte anzustoßen. Jedenfalls wurde 2017 Orgelbau und Orgelmusik als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit von der UNESCO anerkannt.

Ich denke, es ist notwendig, praktisch zu zeigen, welche enormen Möglichkeiten in dem Instrument stecken. Die Orgel muss raus aus ihrem kirchlichen Schattendasein. Sie ist von hohem kulturellem Wert für die Musik. Es gibt ein großes Repertoire von Orgelkompositionen. Man sollte die Chance nutzen. Auch dazu soll die Orgelreise 2 einen Beitrag leisten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Markus Sommerfeld

Archivfoto: Markus Sommerfeld

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